30 Jahre Mauerfall und Aufbruch in Weißensee – Gert Schilling (SPD), langjähriger Bürgermeister in Weißensee, und andere Zeitzeugen erinnern sich

Am 28. November 2019 war es auf den Tag genau 30 Jahre her: auch in Weißensee gründete sich , nach dem Mauerfall die SDP (später SPD). Dieses Jubiläum feierte die SPD Weißensee mit einer Festveranstaltung am damaligen Gründungsort: dem Katharinensaal der evangelischen Kirchengemeinde. Mit dabei: Gert Schilling und Brigitte Schwierzina, die Frau des mittlerweile verstorbenen Tino Schwierzina, damals ebenfalls Mitglied der SPD Weißensee und zugleich letzter Oberbürgermeister Ost-Berlins.

Mit vielen anderen Zeitzeugen berichteten sie den rund 30 Gästen aus bewegten Tagen: Die Erinnerungen an den 4. November… die Greifswalder Straße Richtung Alex…voller Menschen….die ganze Stadt war auf den Beinen… dann: der 9. November….Mauerfall…. Gert Schilling, an dem Abend in der evangelischen Kirche, berichtete von – plötzlich – zahllosen Trabis in der Falkenberger Straße… bis er und die anderen begriffen, was das bedeutet: Die Mauer ist offen!

Wenige Wochen später: Die Gründung der SDP. Die Mitarbeit am Runden Tisch, der in der heutigen Grundschule am Weißen See tagte. Das erste SPD-Büro in der Pistoriusstraße 8. Stolz wurde berichtet, als man eine alte, jahrelang versteckte SPD-Fahne ins Fenster hängen durfte. Ein Zeit voll Aufbruch und Hoffnung.

Und alle, die die SPD damals in Weißensee mit aufbauten, waren in einem geeint: Dem Willen und Wunsch, demokratische Strukturen aufzubauen und demokratische Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn das nicht eingeübt und nicht immer einfach war. Stellvertretend berichtete Christa Müller – damals die erste Bezirksstadträtin für Familie, Jugend, Sport in Weißensee -, wie schwer ihr die Entscheidung fiel, das Amt der Stadträtin anzunehmen. Kann ich das? Werde ich den Erwartungen gerecht?

Und es gab Konflikte und auch schwierige Begegnungen und Entscheidungen zu treffen. Klaus Frommknecht, der erster Bezirksstadtrat für Bildung und Kultur in Weißensee war, berichtete von den Schwierigkeiten mit Lehrerinnen und Lehrern, die für die Stasi tätig waren.

Und die Stasi war möglicherweise länger als gedacht tätig, wie Gert Schilling erleben musste. So entdeckte er als Bürgermeister im Rathaus Weißensee (der heutigen Grundschule am Weißen See) viele Monate nach Mauerfall noch eine verborgene Abhöreinrichtungen. Der Verdacht lag nahe: Stasi. Das schien und das war, wie sich zeigte, kein Einzelfall. Am Abend des selben Tages berichtete im Fernsehen die Tagesschau davon. Mit dabei: Thomas Krüger, damals Stadtrat für Inneres im Magistrat Schwierzina.

Ab Minute 4:55 in der Tagesschau vom 25.7.1990

Diese Begebenheit war auch Thema im Rahmen des zeithistorischen Kiezspaziergangs zwei Tage später. Gemeinsam mit rund 20 interessierten Weißenseerinnen und Weißenseer spazierten Gert Schilling und Thomas Krüger durch Weißensee. Gemeinsam erinnerte man sich an bewegte Zeiten des Aufbruchs. An Zeiten, die in Erinnerung rufen, wie wichtig und wertvoll es ist, sich für die Demokratie zu engagieren. Denn Demokratie ist alles andere als selbstverständlich. Das hat der Herbst 1989 gezeigt.

Mehr Infos zum Thema:

7. Oktober 1989 – Die Gründung der SDP in Schwante

Herbst 1989 – Zeitzeugen aus Weißensee, Pankow und Prenzlauer berichten

Aufbruch für Ostdeutschland – der 12-Punkte Plan der SPD . „Jetzt ist unsere Zeit. Aufarbeitung. Anerkennung. Aufbruch.“